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Graue Substanz

Das Tellerrandwertproblem der Disziplinen mit BMBF-Nebenbedingungen

Ob mein Wille Mathematiker zu sein, existiert und eindeutig ist, weiß ich nicht – die Sache hätte sich damit eigentlich erledigt. Denn Existenz- und Eindeutigkeitssätze sind grundlegend in der Mathematik und als Naturwissenschaftler, der Mathematik anwendet, kümmere ich mich darum kaum. Und doch fliege ich heute zum zweiten mal in die U.S.A., um dort wieder in einen Mathematik-Institut zu arbeiten.

Beim ersten mal, kurz nach meinem Physik-Diplom, dachte ich dass das, was ich betreibe, eigentlich Biophysik sei und nicht mathematische Biologie, wie sich mein damaliges Institut nannte. Vor Ort wurde ich daraufhin allerdings mehrfach angesprochen. Warum es denn Physik sei, fragten mich die Mathematiker. Wo ich doch mit mathematischen Gleichungen biologische Systeme beschreibe?

Letztlich sind Namen natürlich nur Schall und Rauch. Und doch: Mathematik+Biologie=Physik, ist quasi trivial. Aber warum eigentlich? Ich habe seitdem – es ist 16 Jahre her – immer wieder mit vielen Kollegen darüber kontrovers diskutiert. In der Hirnforschung entstand z.B. ein grundlegendes mathematisches Modell aus den elektrophysiologischen Eigenschaften der Zellmembran. Die Knotenregel von Kirchhoff sowie das Ohm’sche Gesetz finden wir dort. Physik also.

Allerdings vergesse ich nicht selten und vor allem zurecht die wenigen, rudimentären biophysikalischen Gegebenheiten, die einmal zu den Gleichungen führten, die ich seit je her nutze. Viele Methoden der sog. nichtlinearen Dynamik sind eher von mathematischer Natur. Mein Ziel sind klinische Anwendungen, so dass auch hier die Physik als Disziplin von mir nichts mehr „zurück“ bekommt. Lange dachte ich, danach fragt ja auch niemand.

Klar, Disziplinen haben per Definition eine Abgrenzung als Teilbereich der Wissenschaft. Doch diese Grenzen bleiben nicht unverändert. Als Wissenschaftler bin ich in Deutschland ausschließlich über Drittmittel in einem sehr attraktiven weil interdisziplinären Forschungsfeld ausgebildet worden: der Computational Neuroscience (CN), noch bevor CN wirklich hip wurde. Heute ist CN fast schon ein Kandidat für die Geburt einer neuen Disziplin. In weiser Technologievorausschau hat das BMBF in Form des Bernstein Netzwerkes CN massiv gefördert, aktuell sind 200 akademische Forschergruppen in Deutschland darin eingebunden. (Die Ironie der Wissenschaftsgeschichte ist, dass gerade CN eigentlich die Reinkarnation der organischen Physik ist, worauf allein der Name† wage hindeutet.)

Das BMBF möchte Einfluss auf die Bildungschwerpunkte nehmen und Universitäten reagieren recht zuverlässig, wenn man ihnen eine Möhre vor die Nase hängt. Irgendwann ist die Möhre dann gegessen. Morgen gibt es Äpfel. Eine nachhaltige Finanzierung über die Projektfinanzierung hinaus gibt es vom Bund nicht. Immerhin: dieses Problem existiert und ist eindeutig parteiübergreifend erkannt.

In 10 Stunden lande ich in Columbus, Ohio. Das ist meine angewandte Zwischenlösung.

Fußnote

† Bei alle Achtung vor Julius Bernsteins Leistungen, Emil du Bois-Reymond hätte ich als Namenspatron für das Netzwerk besser gefunden, denn seine Weitsicht war wahrhaft programmatisch.