Update: Gehirn-Fahrrad oder Demenz-Kiste?
Gerade las ich in der F.A.Z. über „das verlorene Interview“ mit Steve Jobs geführt von dem Journalisten Robert X. Cringely. Dort wird auch der berühmte aber etwas vergessene Satz „computers are bicycles for the mind“ („Rechner sind Fahräder für’s Gehirn“) erwähnt. Robert X. Cringely ist übrigens ein Künstlername, der Journalist heißt Mark Stephens und war auch für Appel tätig.
Die Aussage Jobs steht im krassen Gegensatz zu den Thesen von Spitzer. Natürlich sollte man auch hier sogleich (und vielleicht noch mehr) fragen, warum gerade ein Computerwissenschafter – als solchen kann man Jobs schon bezeichnen – in dieser Debatte kompetent sein soll … und erinnern uns dabei vielleicht auch an den Fisch mit Fahrrad. Wie auch immer, dieser Film kommt nun in die Kinos, worauf ich hier hinweisen will. In den USA lief er schon. Dort bekommt man „The Lost Interview“ mittlerweile auch in iTunes für $3.99. Ob das Interview auch in Deutschland in iTunes erhältlich ist, weiß ich allerdings nicht.
Dass die aktuelle Diskusion von Computerwissenschaftern und Hirnforschern nicht aber von Bildungswissenschaftlern geprägt wird, ist auf jedenfall zu bedauern.
An hier der alte Beitrag vom 6. September:
Die Kompetenz-Debatte, die jetzt bezüglich der angeblich drohenden „digitalen Demenz“ erfolgt, führten wir schon nach dem PISA-Schock. Stichwort: Neurodidaktik. Vergessen wir die Pädagogen nicht.
Ich bin Off-Topic in einem Kommentar zum letzten Beitrag zu Manfred Spitzers These gefragt worden. Ob da ein Blogbeitrag nicht lohne. Im Prinzip ja, nur viel kann ich dazu nicht beitragen. Zum einem habe ich das Buch nicht gelesen. Vielleicht mache ich es aber irgendwann. Die andere Frage ist, kann ein Neurowissenschaftler überhaupt etwas speziell aus seiner Fachsicht dazu sagen, ob die digitale Welt unsere Kinder um den Verstand bringt?
Von wem berechtigterweise was genau in der „Digitalen Demenz“-Debatte zu hören ist und wer sich besser zurückhalten sollte, das wiederholt in Teilen eine alte Debatte die 2003 aufkam, nämlich ob Hirnforscher überhaupt etwas zum PISA-Schock sagen können oder sie dies doch eher Pädagogen überlassen sollten.
Der Streit wurde damals u.a. in der „Zeit“ geführt, wo wir es noch heute – dank Internet – sogleich nachlesen können. Das heißt, wenn man nicht vergessen hat, dass er geführt wurde. Aber daran erinnere ich Sie ja jetzt. Er begann mit Jochen Paulus‘ Kritik, dass Wissenschaftler nur dürftige Beweise anführen können, wie mit Hilfe neurobiologischer Erkenntnisse die Pädagogik zu revolutionieren sei.
Eine Woche später antworteten dann Spitzer („Medizin für die Pädagogik“) und Hennig Scheich („Lernen unter der Dopamindusche“) in zwei Beiträgen zu dieser Neurodidaktik-Debatte.
Wieder eine Woche später wies dann Elsbeth Stern („Rezepte statt Rezeptoren“) darauf hin, dass die „Auseinandersetzung mit schulischem Lernen … jenseits der (Hirnforschungs-)Labors eine lange Tradition in der Psychologie, der Pädagogik und den Fachdidaktiken [hat]“. In dieser dritten Woche gab es auch einen zweiten Beitrag, „Im Land der märchenhaften Zahlen“ von Gerhard Friedrich, der eher versucht, die Brücken zwischen Neurowissenschaft und Pädagogik zu sehen.
Die Auseinandersetzung mit den Digital Natives sollte aus meiner Sicht, wie Stern schon zuvor argumentiert hatte, vorwiegend jenseits der Hirnforschungslabors geführt werden. Wenn Thesen einseitig über die basalen Erkenntnisse der Neurobiologie begründet werden, vergisst man die schon damals bei der Neurodidaktik prompt erfolgte Kritik. Wobei ich, wie gesagt, gar nicht weiß, ob Spitzer in seinem Buch nur neurobiologisch argumentiert und ob er wirklich glaubt, das Web sei eine Dampflok an der der Mensch zugrunde gehen müsse. Jetzt wird also erst mal fleißig die Anti-Spitzer-Bewegung ins digitale Leben geblogt.
Ich selbst mache mir zwar auch keine Sorgen, um die Gefahr langfristiger Hirnschäden, weil mein Computer mir Arbeit abnimmt. Doch die Auseinandersetzung mit den Digital Natives sollte geführt werden. Vergessen wir dabei nicht, dass eines Tages die basalen Erkenntnisse der Neurobiologie in den Alltag eingegangen sein werden. Plasitizität, zum Beispiel, ein Schwerpunktthema von Spitzer, dieser Begriff wird wahrscheinlich bald uns so gewohnt sein, wie die Begriffe Frustration oder Trauma, die auch mal neu waren.
Was mich heute interessiert ist jedoch nicht die Plasitizität des Hirns, es ist was viel einfacheres. Ob z.B. Computer an Grundschulen schon wertvolle Dienste leisten können, würde ich aus pädagogischer Sicht gerne Diskutiert sehen. Ob wir an den weiterführenden Schulen ein eigenes Unterrichtsfach zum Thema Internetkompetenz brauchen (was ich nicht denke), oder Computer einfach in die bestehenden Fächer integriert werden sollten (was ich viel sinnvoller finde), halte ich auch für ein diskussionswürdiges Thema. Hier sind Pädagogen und Bildungswissenschaftler gefragt. Die sollte wir nicht vergessen.