Ein Kommentar zur aktuellen Debatte.
Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für eine spezielle Wirksamkeit der Homöopathie. Das Wort wissenschaftlich ist natürlich völlig überflüssig in dem vorangegangenen Satz. Das Wort Wirksamkeit mit Nutzen zu vertauschen, so wie es der gesundheitspolitische Sprecher der CDU, Jens Spahn, tat, verfälscht allerdings Tatsachen. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, verschweigt etwas, wenn er darauf hinweist, dass “man streng naturwissenschaftlich gesehen nicht nachvollziehen kann, warum das [das Homöopathie hilft] so ist”. (Zitate aus der FAZ von heute)
Keine Studie hat gezeigt, dass die Ergebnisse der Homöopathie schlechter sind, als die in den Kontrollgruppen, in denen ein Placebo verabreicht wurde. Der Placeboeffekt jedoch kann je nach Krankheit durchaus beachtlichen Erfolg aufweisen. Was für den Placeboeffekt gilt, gilt also auch für Homöopathie. Und diese ist jenem sogar überlegen, da ich in der Apotheke keine Placebos kaufen kann.
Richtig ist, dass wissenschaftlich der Placeboeffekt noch nicht nachvollziehbar ist. Das wird sich mit der Zeit ändern. Ebenso stimmt, dass Homöopathie weder besser noch schlechter ist. Insofern wissen wir zumindest wie Homöopathie wirkt. Denn dass sich in keiner Studie, egal zu welcher Krankheit, Unterschiede zeigen, weist hinreichend gut nach, dass Studien zur Homöopathie nichts anderes sind als eine großangelegte Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie zum Placeboeffekt. Wie anders sollten wir den Placeboeffekt studieren?
Hahnemann, der die Homöopathie begründete, ging es natürlich nicht um eine Verschwörung, um zweihundert Jahre später Placebo-kontrollierte Doppelblindstudien zum Placeboeffekt machen zu können. Zu seiner Zeit war jede wirkungslose Substanz verglichen zum Aderlass und anderen Heilverfahren ein Fortschritt. Und dass sogar gegenüber dem nichts tun und abwarten. Dank dem was wir heute den Placeboeffekt nennen. (Zur Lage der Medizin im 19ten Jahrhundert verweise ich auf den zweiten Teil eines vorangegangenen Blogpost.)
Schwieriger ist die Frage, ob es nicht trotzdem richtig sein könnte, was der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, vorschlug: “Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen”. Denn der Placeboeffekt könnte verstärkt werden, wenn der Nutznießer selber mehr Einsatz (Kosten in diesem Fall) trägt. Wahrscheinlicher aber ist, dass er abgeschwächt wird, da langfristig dies dem Ansehen der Homöopathie schadet. Eine schwierige Entscheidung.
Wem dies nun zynisch vorkommt, der irrt. Der Placeboeffekt ist eine absolut fantastische Sache. Selbstheilung durch Glaube. Wer sich hierzu einwenig Unterstützung in Form von Kügelchen kauft, hat meine aufrichtige Sympathie. Ja ich denke, selbst jemand der meine Meinung vertritt, kann durch diese Art der gelenkten Achtsamkeit von der Selbstheilung stärker profitieren.
Gefährlich aber wird es, wenn andere wirksame Therapien ausbleiben, durch einen allzu naiven, alleinigen Glauben an Homöopathie.
Nachtrag vom 9. August 2010
Durch einen neuen FAZ Artikel: Placeboeffekt, Kein Hirngespinst von Hildegard Kaulen wurde ich heute erst auf das Interview von Prof. Dr. Robert Jütte aufmerksam. Er ist Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer und spricht über das Thema Placebo in der Medizin. Homöopathie wird in diesem Interview nur am Rande erwähnt. Allerdings ist offen ersichtlich, dass dies Interview genau auf die aktuelle Debatte abzielt. Jütte hat unter anderem auch 2006 auf Hpathy.com, angeblich das “world’s No.1 Homeopathy Portal”, ein Interview gegeben.
Durch die Diskussionen hier und auch in weiteren, späteren Blogbeiträgen, z.B. den von Gunnar Ries, ist in meinen Augen einmal mehr klar geworden, dass Homöopathie angewandt auf Krankheiten, bei denen ein Placeboeffekt keinesfalls das (alleinige) Mittel der Wahl sein darf, gefährlich ist. Wenn Therapien in solchen Fällen konkurrieren, wobei der Wunsch des Patienten nach einer homöopathischen Therapie, ohne dass er sich bewußt ist, dass dies eine reine Placebo-Therapie ist, respektiert werden muss, dann gehört diese nicht in den Katalog einer Krankenkasse.