Eine Anwaltsserie aus den frühen Achtzigern, „Petrocelli“, folgte Folge für Folge demselben Muster: drei Rückblenden auf dieselbe Tat, jede aus einer anderen Sicht — erst die letzte fügt alles zu einer schlüssigen Geschichte, ohne eine Seite zur Lügnerin zu machen. Dieses Bild hat mein Verständnis von Wissenschaft geprägt.
Gestern vor einem Monat wurde der Carl-Sagan-Tag begangen. Als Jugendlicher interessierte ich mich noch nicht für Sagans Fernsehserie „Unser Kosmos“. Ich sah allerdings einige Jahre zuvor mit größter Begeisterung „Petrocelli“, was, so wurde mir nun klar, sowohl meine Auffassung von Wissenschaft als auch ganz aktuell mein Engagement im Bereich der Arbeitsbedingungen an Hochschulen (und wahrscheinlich weiteres) prägte. So wie andere vielleicht von Carl Sagan in ihrem Schaffen inspiriert wurden.
Eigentlich durfte ich diese zum Genre der Anwaltsserien gehörende Sendung als Achtjähriger nur deswegen gucken, weil im Anschluss noch eine Zeichentrickserie kam, „Spaß an der Freud“ – die mit diesem Huhn. Erinnert sich noch jemand? Ein Familienspaß.
Petrocelli war der Strafverteidiger in der Serie. Jede Folge gehorchte einem bestimmten Format: Petrocellis Mandant war scheinbar eines Verbrechens schuldig, doch im letzten Moment trat ein Beweis zutage, so dass Petrocelli der Jury zumindest eine ebenso glaubhafte Alternative präsentieren konnte, nach der sein Mandant unschuldig wäre. Diese Alternative wurde nie als absolute Tatsache begründet, und es gab nie einen Hinweis auf die schuldige Person, allein der Zweifel war ausreichend, um die Freilassung seines Mandanten zu erreichen.1
Gestützt wurde die Handlung einer Sendung durch drei zentrale Rückblenden auf die Tat jeweils aus der Sicht verschiedener Beteiligter. Die Rückblenden sind somit selbstverständlich unterschiedlich, je nachdem, wessen Vorstellung oder Erinnerung gerade hervortrat.
Um die Dramatik zu erhöhen, kam die Version der Staatsanwaltschaft immer als erste Rückblende. Also das, was angeblich geschehen ist. Dann wird die Version des Angeklagten gezeigt. Also das, woran er oder sie sich erinnert. Am Ende konnte Petrocelli dann seine Version darstellen. Also das, was wohl tatsächlich geschah. Die Petrocelli-Rückblende.
In dieser letzten Rückblende waren immer Elemente der anderen Versionen der Staatsanwaltschaft und seines Mandanten enthalten. Aber erst durch die neu gefundenen Beweise war nun die Unschuld seines Mandanten möglich, ja wahrscheinlich. Und nicht nur das, sie lieferte auch eine schlüssige Erklärung, warum die beiden anderen Versionen sich unterschieden. Mit anderen Worten, keine der beiden Seiten wurde als korrupt oder lügend dargestellt. Im Gegenteil, ohne diese neuen Informationen von Petrocelli erschienen die beiden Versionen aus ihren jeweils noch beschränkten Blickwinkeln als völlig folgerichtig, und erst Petrocellis Rückblende erklärte auch die Fehlinterpretationen.
Ich wollte daraufhin Jurist werden. Fast acht Jahre lang. Ironischerweise wurde ich schließlich umgestimmt, weil ich befürchtete, ich müsse viel zu viel schreiben. Schreiben lag mir gar nicht, meinte ich zu wissen.
So moderat wie bei Petrocelli sollte eigentlich auch Wissenschaft funktionieren. Bei manchen Themen gelingt es besser, bei anderen weniger gut. Zum Thema Klimawandel scheint eine sachliche Diskussion neuer Informationen und alter Falschdarstellungen schwer (siehe hier und hier).
Mir fällt es zur Zeit zunehmend schwerer, die Sicht einer Petrocelli-Rückblende bei den Arbeitsbedingungen, die mir geboten werden, einzunehmen. Nicht dass ich als Betroffener in irgendeiner Weise prädestiniert wäre, objektiv zu urteilen. Aber alle Seiten zu würdigen und nicht die Zeit mit der Suche nach Schuldigen zu vertrödeln, das ist eigentlich etwas, was mir ganz gut liegt.
Aber ich mache es nicht aus Spaß an der Freud.
Footnotes
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Obwohl ich mich sehr gut an die Serie erinnere, habe ich diesen und die folgenden drei Absätze im Wesentlichen aus dem Eintrag bei Wikipedia übersetzt übernommen. ↩