Altamirage EN
Graue Substanz

Welchen Sinn hat Migräne?

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog »Hirnnetzte« +++

Neulich stellte ein Arzt in einer Diskussionsrunde eine überraschende Frage. Die Diskussion ging darüber, ob und wie Jugendliche, die an Migräne erkrankt sind, ihr Leben dokumentieren und gegebenenfalls umstellen sollten, wenn sie aufgrund ihrer eigenen Dokumentation feststellen, dass die Migräneattacken mit ihrem Lebensstil zusammenhängen. Da kam plötzlich diese Frage: Ist Migräne überhaupt eine Krankheit? Haben die Kopfschmerzattacken nicht vielleicht eine sinnvolle biologische Warnfunktion und folglich sollte man Migräne nicht als Krankheit einstufen und Betroffenen auch nicht so vermitteln?

Vergangenen Freitag wurde ich etwas Ähnliches gefragt: Welchen Sinn hat Migräne? Ich habe nach kurzem Überlegen zugesagt, darüber etwas zu schreiben. In der Diskussionsrunde dachte ich noch, ok, wie bekommen wir jetzt die Kuh schnell wieder vom Eis. In diese heikle Richtung wollte ich ungern diskutieren. Und eigentlich sprengt dieses Thema einen Blogpost. Allerdings wollte ich für die Brain Awareness Week gerne was schreiben. Zugesagt habe ich zu diesem Thema letztendlich vor allem, weil ich eine Antwort für interessant halte.

Doch schauen wir uns vorab auch einige, teils wilde Spekulationen über den Sinn der Migräne an. Ohne ins Detail zu gehen, halte ich mich vor allem an einen Übersichtsartikel [1], den man für weiterführende Literaturhinweise dann zu Rate ziehen kann.

Warnung – nur wovor?

Können wir die Attacken als ein Warnsignal interpretieren? Wovor soll gewarnt werden? Was soll abgewehrt werden? Vor welchen Situationen soll man sich hüten? Die einzelnen Migräneattacken scheinen oft durch einen Zustandswechsel ausgelöst zu werden. Beispielsweise unregelmässiger Schlaf, Stress, übermässiger Sport, ausgelassene Mahlzeiten etc. Außerdem gilt eine Reizüberflutung als Auslöser. Die Warnung könnte also lauten: balanciere deinen Lebensstil besser aus und meide Extreme, insbesondere lärm- und lichtintensive Orte (keine Diskotheken, kein Leistungssport, früh ins Bett, Hände über die Decke, man kennt das). Nur: Welchen Vorteil sollte dieses angepasste Verhalten haben, dass der Körper eigens ein moralisch anmutendes Warnsignal erschuf? Wenn ich meine Hand von der heißen Herdplatte wegziehe, ist es klar, wovor ich mich schütze.

Hier stellt sich auch die Frage, wie sich dieses Warnsystem herausgebildet hat? Waren schon unsere Vorfahren solcher Gefahr ausgesetzt? Und welcher genau? Oder liegt es am modernen Lebensstil? Doch dieser löst ja auch Bluthochdruck aus, ohne dass Schmerzen uns davor warnen.

Ruhe, um viele Kinder zu erziehen?

Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass an Migräne nur etwa 27% der Menschen irgendwann in ihrem Leben erkranken werden. Die Theorie des »Warnsignals« muss man also differenzierter betrachten. Zum einen tritt Migräne häufiger bei Frauen auf und zwar mit der höchsten Rate an Neuerkrankungen zwischen dem 25. und 40. Lebensjahr. Spekulationen reichen nun dahin, dass für Frauen ein ausbalancierter Lebensstil an einem ruhigen Ort gerade in der Phase der Kindererziehung wichtig sei. Außerdem könnte die Tatsache, dass Migräne sich mit der Schwangerschaft verbessert, mehr Schwangerschaften bei Frauen mit mittelschweren Formen der Erkrankung fördern (ich übersetzte nur [1]). Wilde Spekulation, wie gesagt.

Evolutionär Vorteile?

Zum anderen tritt Migräne gehäuft in Familien auf. Man nimmt an, dass die zuvor genannten Zustandswechsel und Umweltfaktoren im Zusammenspiel mit mehreren Genen die Erkrankung verursachen können. Außer Frage steht zwat, dass Gene eine Rolle spielen. Doch es sind auch Gene dabei, die jeder Mensch in sich trägt. Sogenannte »Stressgene« werden durch Umweltveränderungen und Verhalten an- und ausgeschaltet. Sodass vor allem dies zur Migräne beiträgt.

Ich halte nicht viel davon, einem evolutionären Sinn der Migräne nachzuspüren. Wobei ich präzessieren muss: Migräne meint hier sowohl die Attacken als auch die Überempfindlichkeit außerhalb der Attacken. Wie auch immer. Selten sind solche Argumente über den evolutionären Sinn schlüssig und nie zwingend. Bringen wir nun trotz allem die Genetik mit in die anfängliche Frage hinein, stellt sie sich nochmal ganz anders. Warum sollte sich Migräne evolutionär durchsetzen, wenn Attacken ähnlich behindern können wie eine Querschnittslähmung? Überwiegt ein Vorteil so sehr in der attackenfreien Zeit? – Es wäre dann wohl der Vorteil der sensorischen Überempfindlichkeit. Oder?

Charles Darwin selbst litt unter häufigen Kopfschmerzattacken, die man heute wohl als Migräne diagnostizieren würde. Es ist nicht bekannt, dass Darwin jemals auch nur einen Gedanken über deren Vorteile verschwendete. Doch seine regelmäßigen Kopfschmerzen ließen ihn angeblich vorsorglich von öffentlichen Diners, Empfängen und anderen gesellschaftlichen Anlässen Abstand nehmen. So hatte er auch mehr Zeit, seine Theorien auszuarbeiten – und zehn Kinder zu zeugen. Ganz klar ein Vorteil für ihn. Und die Urmenschen? Sie mieden neuartige und unvertraute Gegenden wegen der möglichen Reizüberflutung und waren so weniger Gefahren ausgesetzt. Ich denke mir diese Dinge übrigens nicht aus. Sie stehen so in dem erwähnten Review [1]. In der Steppe sahen Urmenschen auch den Löwen viel besser und rochen andere Gefahren schneller. OK, das habe ich mir nun ausgedacht.

Gehirn vor Giftstoffen schützen?

Ein weiterer Schutzmechanismus der Migräneerkranten wurde vorgeschlagen. Er soll die charakteristisch erhöhte Empfindlichkeit und starke Abneigung gegenüber Gerüchen erklären. Vielleicht vermeiden Migräneerkrankten so, dass Giftstoffe in ihr Gehirn gelangen. Denn im Gegensatz zu allen anderen Sinneszellen sind die Geruchsrezeptoren selbst schon Gehirnzellen und somit könnten Giftstoffe und Viren durch den Riechnerv direkt ins Gehirn transportiert werden. Auch die anatomische Anordnung zweier Hirnkerne (des dorsale Raphekern und des Locus caeruleus), die beide wiederum mit dem für Migräne wichtigen fünften Hirnnerven (dem Nervus trigeminus – wir merken uns diesen bitte!) kommunizieren, spricht irgendwie (wie wurde nicht verraten) für dieses Argument [1]. Zur der Physiologie dieses fünften Hirnnerven im Zusammenhang mit den Blutgefäßen (das sog. »trigeminovaskulären Systems«) kommen wir aber in der Tat nochmal zurück, deswegen sei der Nerv hier erwähnt.

Es scheint in der Tat ein großes Bedürfnis für Antworten auf die Sinnfrage zu geben.

Wenn nicht die Genetik, dann ein Begleiterscheinung des bewussten Denken?

Was wir über die Genetik der Migräne wissen, gilt im Prinzip analog für viele Krankheiten. Die Schizophrenie wird beispielsweise auch von mehreren Genen im Zusammenspiel mit äußeren Faktoren verursacht. Es könnten, wie bei der Migräne übrigens, mehrer hundert sein, von denen jedes einzelne nur einen geringen Effekt hat. Auf dieser Basis zu argumentieren, ist schon ein bisschen dürftig. Und man macht es sich schlicht viel zu einfach, mit dem Hinweis, warum sich die Krankheit evolutionär angeblich durchsetzt, also dass Patienten mit Schizophrenie wahrscheinlich kreativer oder phantasievoller seien. Und Migräneerkrankte wahrscheinlich sensibler als die Normalbevölkerung. Ja klar, jede Medaille hat zwei Seiten.

Die Genetik hilft nicht weiter. Überhaupt: Um solche Frage sinnvoll stellen zu können, müssten wir eigentlich wissen, ob Migräne schon lange genug existiert. Die Evolution erschafft ja Neues nur aus Altem und da Migräne nicht ansonsten im Tierreich vorkommt, kann man Zweifel hegen. Wie gut, dass dieser Gedanke auch gleich zu einer weiteren Spekulation führt: ist Migräne vielleicht eine Begleiterscheinung unseres bewussten menschlichen Denkens, das Tieren fremd ist? In dem Review wird Decartes paraphrasiert: »Ich denke, also habe ich Migräne«. So etwas könnte ich mir gar nicht ausdenken [1]. Jetzt wo ich es kenne, fällt mir dagegen gleich noch so eine Phrase ein: »Ich denke, also bin ich schizophren«. Mit so einer Schablone, die auf alles passt, erklären wir gar nichts.

Schutz vor Schlimmeren?

Es gab mal eine These, die ich persönlich für einen wirklich interessanten Gedanken über den Sinn der Migräne halte. Wenngleich ich heute diese alte These in einem größeren Kontext setzen möchte. 1992 traf ich Jan Bureš, der diesen Gedanken erklärte: kurze, übermäßige, elektrische Entladungen der Nervenzellen, wie sie bei Epilepsie auftreten, könnten plötzlich komplett diese Gehirnzellen lahm legen und das minutenlang. Diese Unterdrückung der neuronalen Aktivität breitet sich dann aus (folglich genannt: »spreading depression«). Nun hatte man zumindest mal den Verdacht, dass diese sich ausbreitende Unterdrückung der neuronalen Erregung einen epileptischen Anfall zu verhindern vermag. Dass diese Welle mit Migräne zu tun hatte, war damals, 1992, noch die Meinung einer kleinen, aber wachsenden Minderheit in der Medizin. Es gab im März vor 24 Jahren einen internationalen Migränekongress in Münster, weswegen Prof. Bureš in Deutschland war, der heute bei vielen als Durchbruch der sog. Spreading Depression-Theorie der Migräne gilt. Ist Migräne ein Schutzmechnismus?

Auch in dem Review kommt so ein ähnlicher Gedanke vor [1]. Zunächst wird dort ein allgemeines Beispiel angeführt, nämlich dass die Genmutation, die Sichelzellanämie verursacht, immun gegen Malaria macht. Die Natur kennt also solche Kompromisse. Konkret wird dann die Möglichkeit diskutiert, ob eine Migräneattacke eine Verteidigung gegen andere bedrohliche Situationen bereitstellt. Aber es ist nicht (mehr) von der Epilepsie die Rede.

Rauchmelder-Prinzip?

Die starke und schnelle Gefässerweiterung bei Migräneattacken nährt den Verdacht, dass das dafür verantwortliche sog. trigeminovaskuläre System einen umfassenden Schutzschirm gegen jegliche Art bedrohlicher Gefäßverengungen im Gehirn bietet. Migräne könnte man in diesem »Kontinuum« der Krankheiten, zu denen neben der Migräne die Epilepsie und episodisch wiederkehrende Formen des ischämischen Schlaganfalls (ischämisch ≡ eine Minderdurchblutung betreffend) gehören, als das am wenigsten bedrohliche Übel betrachtet.
rauchmelder
Nun ist es jedoch nicht so, dass Menschen mit Migräne ständig vor Schlimmern bewahrt werden. Ganz im Gegenteil. Die Vermutungen geht dahin, dass bei ihnen dieser Schutzschirm hypersensibel ist. Wie ein Rauchmelder, der auch bei einen nur leicht angebrannten Toast Alarm schlägt. Nach diesem »Rauchmelder-Prinzip« wären die Migräneattacke dann eine Art Fehlalarm. Auch dieses Prinzip wird in dem Review erläutert [1]. Es geht in dieser Analogie nicht um den Schmerz, sondern um die Gefäßerweiterung in der Migräneattacke. Die Analogie könnte ich vielleicht so abändern: fälschlicherweise geht eine automatische Sprinkleranlage los (Gefäßerweiterung) und der auch ertönende Rauchmelder (Schmerz) lärmt sogar noch einige Zeit länger; er ist letzliche jedoch eine unbedeutende Begleiterscheinung (Epiphänomen), da die Feuerlöschanlagen vollautomatisch funktioniert.

Dabei wird eins klar: Es darf nicht darum gehen, sein Toastbrot nicht mehr dunkel zu toasten. Ein so angepasster Lebensstil könnte den Rauchmelder nur noch sensibler machen. Es muss darum gehen, die Widerstandfähigkeit des Rauchmelder neu zu justieren und gegenüber kleineren Störungen zu erhöhen. Was aber macht man in Wirklichkeit nur all zu gerne? Hier kommt ein wesentlicher Gedanke, den ich im Original hervorheben will:

»This principle also explains why blocking defenses is so often free of tragic consequences. Because most defensive reactions occur in response to insignificant threats, interference is usually harmless; the vast majority of alarms that are stopped by removing the battery from the smoke alarm are false ones, so this strategy may seem reasonable. Until, that is, a real fire occurs.«

„Dieses Prinzip (das »Rauchmelder-Prinzip«) erklärt auch, warum es fast immer völlig ungefährlich ist, die Abwehrkräfte zu blockieren. Da die meisten Abwehrreaktionen unbedeutende Bedrohungen beantworten, sind Eingriffe in der Regel harmlos; die überwiegende Mehrheit der Alarme, die durch die Entnahme der Batterie aus dem Rauchmelder gestoppt werden, sind Fehlalarme, so dass diese Strategie vielleicht vernünftig erscheinen kann. Bis ein echtes Feuer eintritt.“

Fazit

Während einige der Hypothesen weit hergeholt sind, können sie doch illustrieren, in welche Richtung wir denken sollten. Nicht nur mir erscheint das so, auch in dem sehr guten Review wird dies so gesehen und daher die Beispiele auch angeführt [1]. Meine Meinung weicht in der Bewertung der Bedeutung des evolutionären Sinns von dem Review ab. Doch stimme ich damit überein, dass es um adaptive Prozesse geht, wenn wir die erhöhte sensorische Anfälligkeit von Menschen mit Migräne untersuchen. Das zeigt die Schwierigkeit, vor der wir in der Migräneforschung stehen. Wir dürfen die Krankheit nie isoliert betrachten. Die überraschende Frage des Arztes in der Diskussionsrunde hatte also die falsche Betonung. Sie müsste lauten: Ist Migräne eine (isolierte) Krankheit? Oder müssen wir die Migräne als einen Teil eines viel größeren Krankheitssprektrums sehen, Krankheiten die den Blutfluss des Gehirns betreffen und dessen zentrale gesteuerten Schutzmechanismen?

Literatur

[1] Loder, E. (2002). What is the evolutionary advantage of migraine? Cephalalgia, 22, 624-632.