Mit siebzehn in der Oberstufe belegte ich als Leistungskurse die Fächer Mathematik und Physik. Und ich wusste bald auch: Ich will ein Fach davon studieren. Nur welches? Mathematik oder Physik?
Es war Mitte der 1980er Jahre, und meine Berufswahl fiel mit dem Höhepunkt der Arbeitslosigkeit zusammen. Die Frage der richtigen Berufswahl trieb uns um. Ich hatte eine Idee: Schau in die Stellenanzeigen.
Damals waren die Samstagsausgaben der Zeitungen dick, voll mit Annoncen, und die sammelten sich nun über einige Wochenenden hinweg in meinem Zimmer. Wenn einer der beiden Studiengänge die besseren Aussichten bot, dann musste es doch dort sich zeigen.
Zunächst stellte ich fest: Chemie war gut sichtbar vertreten. Klar, es gibt eine chemische Industrie. Aber Chemie passte nicht zu meinen Noten. Von Biologie zu schweigen.
Eine „physikalische Industrie” im engeren Sinne gab es dagegen nicht. Wenn Physik überhaupt auftauchte, dann im Schatten der boomenden Elektronik. Besonders oft stieß ich auf Ausschreibungen von Siemens.
Siemens hatte 1983 den ersten Magnetresonanztomographen auf den Markt gebracht — den „Magnetom”. Was das eigentlich bedeutete, verstand ich damals nicht; das weiß ich erst heute. Ein Meilenstein: bessere Diagnosen, ohne dass Menschen Röntgenstrahlung ausgesetzt wurden. Mit einem Nachfolgegerät machte 2001 die Arbeitsgruppe von Professorin Nouchine Hadjikhani erstmals bei einem ihrer Mitarbeiter, der mit Migräne lebt, die sogenannte Migränewelle sichtbar — jene Welle, für deren mathematische Beschreibung ich später eine Migräneformel entwickelte. Mit Nouchine begann daraufhin eine lange, erfolgreiche Kooperation. Aber bis dahin war es ein weiter Weg.
Zurück zu den Anzeigen. Die meisten Physik-Stellen drehten sich für mich wahrgenommen um Mikroelektronik, was mich bei aller Rationalität nicht überzeugt. Und die Mathematiker? Gesucht wurden Mathematiker seltener — und wenn, dann von Versicherungen und Banken. Mikroelektronik gegen die Dresdner Bank?
Überzeugt war ich von beiden nicht. Und ein großer Unterschied in den Erfolgsaussichten, einen guten Job zu finden, schien letztlich auch nicht zu bestehen. Da ich auch gerne faul war, vielleicht also doch Mathematik? Immerhin war Mathematik für mich, rein vom handwerklichen her, einfacher.
Das aber konnte doch bitte nicht die Entscheidung sein. Ich brauchte ein neues Kriterium.
Es kam — auf die denkbar grausamste Weise. Am 9. Juli 1986 ermordeten Terroristen der Roten Armee Fraktion Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler mit einer Bombe. Beckurts leitete die zentrale Forschung bei Siemens. Er war Physiker. Auch Karlheinz Kaske, der damalige Vorstandsvorsitzende, war Physiker, was ich dann schnell herausfand.
Es ist makaber, das zuzugeben, aber für den mittlerweile achtzehnjährigen war es ein Fingerzeig: Physik führt offenbar bis in die Schaltzentralen der Gesellschaft. Dorthin, wo Verantwortung getragen wird.
Dass ich aus einem Attentat einen Berufstipp herauslas, sagt vielleicht schon etwas über mich.
Doch der eigentliche Wink mit dem Zaunpfahl ging damals völlig an mir vorbei, nämlich dass mein Blättern in Stellenanzeigen als empirischer Ansatz den Physiker in mir bereits aufzeigte. Aber eben auch den anwendungsnahen Physiker statt des reinen Grundlagenforschers. Unmittelbare gesellschaftliche Leistung ist mir wichtig.