In der Medizin klingen „personalisiert“ und „individualisiert“ beide nach Behandlung nach Maß. Hinter den beiden Wörtern verbergen sich jedoch zwei grundverschiedene Entscheidungsprinzipien — und die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen den Begriffen, sondern zwischen diesen Prinzipien.
In der Medizin klingen „personalisiert“ und „individualisiert“ beide nach Behandlung nach Maß, oft werden die Begriffe auch einfach austauschbar verwendet. Im Marketing werden sie jedoch relativ sauber auseinandergehalten: Personalisierung ordnet einen Kunden einer Gruppe zu und spricht ihn zugleich persönlich an. Doch die eigentliche Entscheidung basiert auf den Merkmalen dieser Gruppe. Individualisierung berücksichtigt dagegen die konkrete Situation des einzelnen Kunden und trifft Entscheidungen speziell für ihn.
Personalisierung ist also streng genommen Segmentierung plus persönliche Ansprache. Individualisierung fragt eine Stufe tiefer: Was braucht genau dieser Mensch in diesem Moment? Letzteres lässt sich mit einer einmaligen Einordnung nicht beantworten. Es verlangt eigene, umfangreiche Daten und fortlaufendes Lernen.
Zurück zur Medizin. 2011 taufte ein Bericht des US-Forschungsrats „personalized medicine“ bewusst in „precision medicine“ um – mit der Begründung, „personalized“ wecke die falsche Hoffnung, jeder bekomme eine eigens für ihn entwickelte Therapie, und im Grunde wisse niemand recht, was eigentlich gemeint sei. Genau diese Unschärfe ist im Marketing weitgehend akzeptiert. Dort stört es kaum, wenn „personalisiert“ letztlich bedeutet: Du gehörst zu einem Segment, deshalb zeigen wir dir diese Variante eines Produkts. Gleichzeitig wird eine tatsächlich individualisierte Ansprache, die fortlaufend Daten erhebt und Entscheidungen anpasst, durchaus kritisch gesehen. In der Medizin gelten andere Maßstäbe. Dort prägen Begriffe nicht nur die Erwartungen von Patient:innen und Ärzt:innen, sondern auch regulatorische Entscheidungen.
„Präzisionsmedizin“ beschreibt deshalb den eigentlichen Ansatz treffender: Menschen anhand genetischer, biologischer, umweltbezogener und sozialer Merkmale in präzisere Gruppen einzuteilen, um für diese Gruppen die wirksamsten Präventions- und Behandlungsstrategien anzubieten oder sogar erst zu entwickeln.
Sollte man also auch im Deutschen nicht mehr von „personalisiert“ und „individualisiert“ sprechen?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst einen Schritt zurücktreten. Hinter den beiden Begriffen verbergen sich nämlich zwei grundverschiedene Entscheidungsprinzipien, die wir bislang unter denselben Wörtern diskutiert haben: einmaliges Sortieren und fortlaufendes Nachsteuern.
Die erste Methode ist das einmalige Sortieren. Ein Test – ein Segment, ein Biomarker, ein Genotyp – steckt einen Menschen in ein vorher festgelegtes Fach, und behandelt wird nach diesem Fach. Eine einmalige Zuordnung. Ein Etikett, das zunächst bestehen bleibt.
Die zweite Methode ist das fortlaufende Nachsteuern. Nehmen wir ein Thermostat. Es entscheidet nicht ein einziges Mal, wie warm ein Zimmer sein soll, sondern misst, gleicht ab und heizt nach. In der Medizin ist die Insulintherapie ein gutes Beispiel: Ein Sensor misst den Blutzucker, die Therapie wird entsprechend angepasst. Kein Etikett, sondern eine Regel, die Rückmeldung verlangt und darauf reagiert.
Anders als ein Thermostat wird in der Medizin mitunter nicht nur die Behandlung angepasst, sondern auch das Therapieziel selbst, wenn neue Informationen dies nahelegen, was wiederum im Rahmen eines einmaligen Tests als Sortieren angesehen werden kann. Gemeinsam bleibt jedoch das Grundprinzip: Entscheidungen werden entweder fortlaufend an den beobachteten Verlauf individuell angepasst oder anhand neuer Informationen neu sortiert. Damit wird auch klar: Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen zwei Wörtern, sondern zwischen zwei Arten medizinischer Entscheidungen.
Erst mit dieser Unterscheidung wird verständlich, warum die Begriffe so oft durcheinandergeraten. Sie versuchen, zwei grundsätzlich verschiedene Entscheidungsprinzipien mit Wörtern wie „personalisiert“ oder „individualisiert“ zu beschreiben, die kaum einen Hinweis auf die Methoden enthalten.
Für das einmalige Sortieren gibt es in der Medizin bereits einen präzisen Fachbegriff: stratifiziert. Stratum, die Schicht – das Wort benennt genau die Operation, nämlich die Einteilung, und ist Klinikern aus der Risikostratifizierung längst vertraut. Es verspricht, anders als „präzise“, keine molekulare Punktgenauigkeit, die niemand einlösen kann. Damit beschreibt „Präzisionsmedizin“ letztlich genau diese erste Methode: das Sortieren in immer präzisere Gruppen.
Für das fortlaufende Nachsteuern passt verlaufsadaptiert. Das sagt unmittelbar, worum es geht: eine Therapie, die dem Verlauf eines einzelnen Menschen folgt.
Und „individualisiert“? Diesen Begriff würde ich genau für diese zweite Art von Medizin reservieren: für eine verlaufsadaptierte Behandlung, die ihre Entscheidungen fortlaufend an neue Informationen anpasst. „Personalisiert“ dagegen würde ich als bewusst allgemeinen Oberbegriff stehen lassen. Er beschreibt die Absicht, eine Behandlung auf den Menschen zuzuschneiden, sagt aber für sich genommen noch nichts darüber aus, wie das geschieht – durch einmaliges Sortieren oder durch fortlaufendes Nachsteuern. Damit unterscheidet sich die Medizin vom Marketing: Dort genügt der Oberbegriff meist, hier muss klar sein, welche Methode tatsächlich gemeint ist.
Kurz: „personalisiert“ kann als Oberbegriff bleiben. Entscheidend ist, zwischen stratifizierter und individualisierter beziehungsweise verlaufsadaptierter Medizin zu unterscheiden: Einteilen oder Nachsteuern.
Und wer das nächste Mal vor „personalisierter Medizin“ steht, sollte deshalb nicht zuerst fragen, ob das Wort richtig gewählt ist. Wichtiger ist die Gegenfrage: Zu welcher Gruppe gehört dieser Mensch? – oder Was braucht er jetzt, gerade er? Erst wenn diese Frage beantwortet ist, wird auch klar, welche Art von Medizin tatsächlich gemeint ist.
Diese Frage hat immer eine Antwort. Die nach dem richtigen Wort erst dann, wenn klar ist, welche Art von Entscheidung überhaupt beschrieben werden soll.