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Graue Substanz

Zu viel Forschungsleistung von Studierenden

„Leiharbeiter“ und „Schwarzarbeiter“ bestimmen mittlerweile die Berichterstattung über die Arbeitssituation in der Forschung. Mein Fazit: wir bilden zu viele Doktorandinnen und Doktoranden aus.

Merkel hat ihn. Lafontaine hat ihn.1 Auch der ehemalihe Chef von McKinsey, Jürgen Kluge, sowie viele andere Unternehmensberater haben ihn. Den Doktortitel in Physik. Wofür sie Physik in ihrem Geschäft brauchen, weiß ich nicht. Auch aus anderen Disziplinen sind Doktortitel begehrt bei Politikern und Beratern. Manchmal vielleicht sogar in fachnahen Gebieten. Eigentlich sollte der Titel ja die Eintrittskarte nach Akademia sein. Die Waghalsigen dorthin ersticken jedoch meist in einem Flaschenhals. Dank einem Überangebot an Forschungsleistung von Studierenden.

Als ich 1992 an einem Max-Planck-Institut meine Diplomarbeit begann, gab es überhaupt erst seit kurzem Doktoranden und Diplomanden an diesen Institut. Der ehemalige Direktor dieses Institutes, Benno Hess, sah es nicht als Aufgabe eines Max-Planck-Instituts (MPI), sich an der Ausbildung zu beteiligen. Die angestellten Wissenschaftler sollten 100% Forschungsleistung bringen. Benno Hess war auch von 1980 bis 1991 Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und seine Einstellung war wohl Konsens in der MPG auch wenn es immer schon vereinzelt auch Doktoranden dort gab. Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender bei Porsche, hat als Physiker am MPI gearbeitet – promoviert wurde er freilich, wie alle, an einer Hochschule, denn nur diese haben Promotionsrecht.

Heute sind solche Doktorandinnen und Doktoranden an MPIs üblich, ja kaum wegzudenken. Man könnte meinen: gut so. Auch ich war damals sehr froh, an einem MPI arbeiten zu dürfen. „Als Diplomand“ – natürlich wird auch das Diplom letzlich an der Hochschule abgelegt. Ich verdiente einige hundert D-Mark als studentische Hilfskraft und die Diplomarbeit verzögerte sich um ein Jahr, nicht zuletzt weil ich über 200km weg von meiner Universität tätig war. Die Kehrseite erfuhr ich also damals schon, die Arbeit war zwar faszinierend, ich durfte weitgehend eigenständig arbeiten. Doch ich war letztlich Student und effizient war diese Arbeit keinesfalls. Nur billig. Heute sehen wir diese Kehrseite noch einmal anders, in einem Bild eines beschämenden Artikels der FAZ: „Schwarzarbeit in der Max-Planck-Gesellschaft?

Auf dem Bild sehen wir, wie Zollfahnder Bauarbeiter wegen des Verdachts der Schwarzarbeit befragen. Süffisant die Bildunterschrift:

Wann war der Zoll zuletzt in einem Labor?

Was ist da geschehen? Die TAZ berichtet schon am 25. Mai unter dem Titel „Max Planck setzt auf Billigforscher„. Es geht um Doktorandinnen und Doktoranden, die als Externe „am MPI“ promovieren.

Ich will einmal die Zusammenhänge beleuchten. Denn es ist nicht das Problem der Promovierenden allein oder gar der MPG allein. Es ist das grundsätzliche und fundamentale Strukturproblem des wissenschaftlichen „Nachwuchses“ in Deutschland, das man im Zusammenhang sehen muss.

Den zentralen Punkt, den wir in der FAZ auch lesen, ohne die Brisanz vielleicht zu erkennen, machte die Deutsche Physikalische Gesellschaft schon 2005 überdeutlich (Hervorhebung von mir):

Die Zeit der Doktorarbeit allein als Qualifikationsphase zu sehen, käme einer fatalen Fehleinschätzung gleich. Über zwei Drittel der Forschungsleistung der deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der Physik werden von Doktorand(inn)en erbracht.

Das heißt leider nicht, dass immerhin noch ein Drittel der Forschungsleistung von Professoren gemacht wird, denn es gibt ja auch noch zahlreich die PostDocs. Schätzungen gehen davon aus, dass weit über 80% des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals an Universitäten befristet sind, das heißt unter anderem, dass sie keine Vollmitglieder der Fakultät sind mit Rechten zur selbstständigen Lehre und Forschung. Wohlgemerkt: die Pflichten einer solchen Position nehmen viele der Doktorandinnen und Doktoranden sowie PosDocs trotzdem wahr.


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Ich habe schon alles geschrieben, was es zu den Karrierewegen in Deutschland und der Graphik oben zu sagen gibt.

Weil jetzt die Situation der Doktoranden verstärkt in den Fokus gerät – zurecht sind sie auch im Fokus, sie fordern zum Beispiel eine eigene Statusgruppe an den Hochschulen – muss man eins fragen: Bilden wir nicht schlicht viel zu viele Forscher aus? Wer braucht alle die Doktorandinnen und Doktoranden, die ganz offensichtlich keine Zukunft in der Forschung haben. Gleichzeitig aber mit ihrer Forschungsleistung den Bedarf offensichtlich abdecken? Denn schlechte Forschung machen wir ja wahrlich nicht in Deutschland. Aber billige.

Wobei: ein Wort zur schlechten Forschung dann doch. Es ist leider international angekommen, dass es manchmal viel zu leicht ist, in Deutschland einen Doktortitel zu bekommen. Auch wenn dies wohl eher ein Problem in den Geisteswissenschaften ist, an überforderten Gutachtern lag und zuvorderst an der Unverfrorenheit weniger Promovierender – es also letztlich nur eine Randerscheinung ist, die sich nur nahtlos ins Gesamtbild einfügt: Isoliert darf dieses oder das Problem der Promoviernden als Billigforscher keinesfalls betrachten werden.

Doktorandinnen und Doktoranden sind letztlich auch noch Studierende in einer Qualifikationsphase. Promotionsstudent(inn)en. Wollen wir wirklich zwei Drittel der Forschungsleistung von ihnen in Deutschland erbracht wissen? Oder sollten wir nicht langsam anfangen, echte akademische Stellen mit Perspektive zu schaffen? Für die Nachhaltigkeit und auch die Betreuung der verbleibenden Studierenden ist das sicher der bessere Weg. Vor diesem Problem steht heute Frau Schavan. Und vor einem andern. Ach. Der Kabarettist Detlev Schönauer hat übrigens auch Physik studiert. Promoviert wurde er dann aber nicht mehr. Humor geht auch ohne.

Nachtrag 12.6.2012

Ich will man den Bogen noch weiter spannen. Kitas zahlen Erzieherinnen Dumping-Löhne, so steht es heute in SPON. Der Begriff Bildungsrepublik ist wirklich ein Hohn. Erzieherinnen in Japan sind angesehen, werden anspruchsvoll ausgebildet und verdienen annähernd wie Hochschulprofessoren.

© 2012, Markus A. Dahlem (CC-BY-SA 3.0 Deutschland).

Footnotes

  1. Oha, wurde gerade darauf aufmerksam gemacht, dass Oscar Lafontaine nicht promoviert wurde. Wie gesagt, für Humor braucht man den ja auch nicht.